Mentale Gesundheit: Wo Liechtenstein bei jungen Menschen genauer hinschauen muss

Rund 80 Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Berufsgruppen diskutierten in Eschen über die psychische Gesundheit Jugendlicher. Dabei wurde deutlich: Nicht allein Social Media ist entscheidend. Auch Leistungsdruck, familiäre Belastungen und der Zugang zu Hilfe beschäftigen Liechtenstein.
Wie können Jugendliche in Liechtenstein rechtzeitig Unterstützung erhalten, wenn sie psychisch belastet sind? Diese Frage zog sich durch einen gut besuchten Veranstaltungsabend am 19. Oktober im Gemeindesaal Eschen.

Rund 80 Interessierte, darunter jüngere und ältere Menschen sowie Angehörige verschiedener Berufsgruppen, verfolgten den Fachvortrag und die anschliessende Podiumsdiskussion. Organisiert wurde der Anlass vom Verein SonnenStern.

Social Media ist nicht die einzige Erklärung
Digitalexpertin Dr. Sarah Genner warnte in ihrem Fachvortrag vor einfachen Erklärungen. Schule, berufliche Zukunft und Leistungsdruck gehören zu den wesentlichen Stressfaktoren junger Menschen. Digitale Medien können zusätzlich belasten, bieten aber auch Informationen, Austausch und Unterstützung.

Genner machte auf einen wichtigen Unterschied aufmerksam: Ein Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und psychischen Beschwerden beweist noch nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist.

Statt ausschliesslich über Bildschirmzeiten zu sprechen, rückte sie Selbstwirksamkeit, persönliche Lebensziele und soziale Beziehungen in den Vordergrund. Es geht auch darum, ob Jugendliche das Gefühl haben, ihr Leben mitgestalten und Herausforderungen bewältigen zu können.
Was passiert, wenn Jugendliche Hilfe brauchen?
In der von Andreas Krättli für podcasthus.li moderierten Podiumsdiskussion wurde diese Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.
Jonas Grünenfelder, Sänger der Schweizer Band Fate of Faith, sprach offen über seine eigenen Therapieerfahrungen. Er zeigte damit, wie wichtig es sein kann, persönliche Krisen anzusprechen und professionelle Unterstützung anzunehmen.

Matthias Brüstle, Präsident des Berufsverbands der Psychologinnen und Psychologen Liechtensteins, thematisierte familiäre Belastungen und die Verantwortung der Erwachsenen. Helen Konzett, Ombudsfrau für Kinder und Jugendliche, brachte die Perspektive der Kinderrechte ein. Dabei ging es auch um Cybermobbing und die Frage, wie junge Menschen Zugang zu Unterstützung finden.
Für Liechtenstein ist das eine konkrete gesellschaftliche Aufgabe: Hilfsangebote müssen nicht nur vorhanden, sondern für Jugendliche und ihre Familien verständlich und frühzeitig erreichbar sein.

Prävention beginnt vor der Krise
Diesen Gedanken unterstrich auch Ulrike Hoop, Präsidentin des Vereins SonnenStern. Ihr Anliegen ist, früher hinzuschauen, miteinander zu sprechen und Unterstützung zugänglich zu machen, bevor Belastungen zu schweren Krisen werden.

Mit ihrer Bilderausstellung «Zwischen Bildschirm und Innenwelt» griff Hoop Themen wie Selbstbild, digitale Reizüberflutung und persönliche Neuanfänge auch künstlerisch auf.
Der Abend zeigte, wie viele Bereiche in Liechtenstein bei der psychischen Gesundheit junger Menschen zusammenwirken: Familien, Schulen, Gesundheitswesen, Vereine und öffentliche Institutionen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie lange Jugendliche am Smartphone sind. Sondern auch, ob sie jemanden haben, der zuhört, ihre Schwierigkeiten ernst nimmt und ihnen den Weg zu Unterstützung erleichtert.
«Bin ich gut genug?» Filmprojekt bewegt das Publikum
Einen besonderen Moment erlebte das Publikum, als Fabian Reuteler und Juliana Beck vom Verein Impact ihr Dokumentarfilmprojekt «wohl?habend» vorstellten. Der gezeigte Teaser bewegte und begeisterte. Im Film sprechen Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 25 Jahren offen über Leistungsdruck, mentale Gesundheit und eine Frage, die viele beschäftigt: «Bin ich gut genug?»

Das Projekt gehörte zu den Gewinnern des Ideenkanals beim Ideencamp #38 im Juni 2026 in Vaduz. Die Filmschaffenden berichteten in Eschen von ihren Erfahrungen und zeigten, wie stark junge Menschen unter Erwartungen stehen können.
Neben den schwierigen Seiten ging es auch um einen positiven Blick auf den Alltag. Besonders in Erinnerung blieb die Anregung, sich jeden Abend zu fragen: «Welche drei Dinge haben mir heute gut gefallen?» Ein Gedanke, der beim anschliessenden Apéro weiterlebte. Gäste tauschten sich darüber aus, wie wertvoll der offene Umgang mit psychischer Gesundheit an diesem Abend war.
Auf podcasthus.li geht die Geschichte weiter: Als Medienpartner des Vereins SonnenStern begleitet das Portal den Anlass. Fabian Reuteler und Juliana Beck werden zudem demnächst im Format «Ideenkanal persönlich» zu Gast sein. Dort stellt podcasthus.li Gewinnerprojekte des Ideenkanals vor. Im ausführlichen Videopodcast sprechen die beiden über «wohl?habend», ihre Erfahrungen und die Entstehung des Films. Auch ein Einblick in den Teaser ist geplant.
Gespräche, die beim Apéro weitergingen
Auch nach dem offiziellen Programm war der Abend noch lange nicht zu Ende. Beim anschliessenden Apéro wurde intensiv und tiefgründig weiterdiskutiert. Die Gäste tauschten persönliche Erfahrungen aus, sprachen über die Herausforderungen junger Menschen und darüber, was jeder Einzelne zu einem offenen Umgang mit psychischer Gesundheit beitragen kann. Neben den ernsten Themen hatten auch Zuversicht und positive Gedanken ihren Platz. Besonders die Frage «Welche drei Dinge haben mir heute gut gefallen?» regte zum Nachdenken an. So klang der Abend in Eschen mit vielen persönlichen Begegnungen und Gesprächen aus, die zeigten, wie wertvoll es ist, einander zuzuhören und offen über psychische Gesundheit zu sprechen.


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