Wechseljahre: Plötzlich fühlt sich der eigene Alltag anders an


Der Alltag ist eigentlich derselbe geblieben. Die Arbeit wartet, zu Hause läuft das Familienleben weiter, Termine wollen eingehalten werden. Und trotzdem fühlt sich plötzlich vieles anders an. Der Schlaf wird schlechter, die Energie fehlt oder die Geduld ist schneller aufgebraucht. Wechseljahre können Frauen körperlich und emotional fordern. Sie können aber auch der Moment sein, die eigenen Bedürfnisse neu wahrzunehmen.
«Was ist eigentlich mit mir los?»
Diese Frage hört Sara Rohrer von Frauen, die zu ihr in die Praxis kommen. Manche schlafen schlecht. Andere fühlen sich erschöpft, nehmen zu oder erleben Veränderungen, die sie zunächst gar nicht mit den Wechseljahren verbinden. Und manchmal kommt noch etwas dazu: das Gefühl, vom eigenen Umfeld nicht richtig verstanden zu werden.
Rohrer kennt diese Gespräche aus ihrer Arbeit als Naturheilpraktikerin. Ursprünglich arbeitete sie als Medizinische Praxisassistentin in verschiedenen Praxen, später absolvierte sie ein Studium der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde.
Wenn heute eine Frau wegen Wechseljahrbeschwerden zu ihr kommt, beginnt Rohrer nicht mit einer Teemischung. Sie beginnt mit Zuhören.
Es gibt nicht die eine Wechseljahre Geschichte
Wie sieht der Alltag aus? Wie schläft die Frau? Was belastet sie? Was hat sich verändert?
Diese Fragen sind für Rohrer zentral. Denn so unterschiedlich Frauen sind, so unterschiedlich erleben sie auch die Wechseljahre.
Medizinisch sind sie eine natürliche Lebensphase und keine Krankheit. Durch die hormonelle Umstellung können unter anderem Hitzewallungen, Schweissausbrüche, Schlafprobleme und Stimmungsschwankungen auftreten. Auch Herzklopfen, Muskel oder Gelenkbeschwerden können vorkommen. Manche Frauen spüren wenig davon, andere werden zeitweise deutlich stärker beeinträchtigt.
Und dann gibt es das Leben rundherum.
Berufliche Verantwortung verschwindet nicht, weil eine Frau schlecht geschlafen hat. Kinder stellen ihre Fragen trotzdem. Angehörige brauchen Unterstützung. Beziehungen haben ihre eigenen Herausforderungen.
Genau deshalb greift es zu kurz, jede Veränderung in dieser Lebensphase automatisch den Hormonen zuzuschreiben. Schlafprobleme, Erschöpfung oder psychische Belastungen können verschiedene Ursachen haben. Die Gynäkologin und Menopause Expertin Petra Stute vom Inselspital Bern betont ebenfalls, dass immer das Gesamtbild betrachtet werden müsse.
Vielleicht geht es auch darum, nicht immer zu funktionieren
Im Gespräch mit Rohrer fällt ein Satz nicht ausdrücklich, und trotzdem zieht sich der Gedanke durch viele ihrer Antworten: Frauen sind es oft gewohnt, dass sie funktionieren.
Im Beruf. In der Familie. In der Partnerschaft.
Was aber passiert, wenn der Körper plötzlich mehr Ruhe verlangt?
Rohrer rät Frauen, solche Bedürfnisse nicht einfach wegzuschieben. Eine Pause, ein Spaziergang, Sport, kreatives Arbeiten oder Zeit für sich selbst können im Alltag guttun. Nicht als Rezept gegen die Wechseljahre, sondern als bewusster Umgang mit den eigenen Kräften.
Für manche Frauen kann schon das ungewohnt sein.
Eine halbe Stunde nichts organisieren. Nicht erreichbar sein. Nein sagen. Oder schlicht akzeptieren, dass heute weniger geht als gestern.
Selbstfürsorge klingt schnell nach Wellness. Im Alltag kann sie etwas viel Nüchterneres bedeuten: die eigenen Grenzen wahrnehmen.
Und was ist mit dem Partner?
Wechseljahre spielen sich nicht nur im Körper einer Frau ab. Sie können auch Beziehungen verändern.
Wenn eine Frau plötzlich schlechter schläft, schneller gereizt ist oder mehr Rückzug braucht, bekommt das die Familie mit. Fehlt eine Erklärung, entstehen leicht Missverständnisse.
Rohrer plädiert deshalb für Offenheit.
Kindern könne man erklären, dass sich der Körper verändert und die Geduld manchmal schneller aufgebraucht ist. Auch in einer Partnerschaft könne es helfen, Bedürfnisse konkret auszusprechen.
Vielleicht geht es dabei um mehr Ruhe. Vielleicht darum, dass nachts wieder einmal das Fenster geöffnet wird. Vielleicht einfach darum, gehört zu werden, ohne dass sofort eine Lösung präsentiert werden muss.
Das Thema reicht sogar über Familie und Partnerschaft hinaus. Wechseljahrbeschwerden können auch den Berufsalltag beeinflussen. In der Schweiz wird inzwischen verstärkt darüber diskutiert, wie Wissen über die Menopause am Arbeitsplatz Missverständnisse und Tabus reduzieren kann.
Damit wird aus einem vermeintlich privaten Frauenthema auch eine gesellschaftliche Frage.
Naturheilkunde: Erfahrung ist nicht dasselbe wie Wirksamkeitsnachweis
Rohrer arbeitet in ihrer Praxis mit Methoden der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde. Dazu gehören Heilpflanzen. Als Beispiel nennt sie Frauenmantel. Je nach Patientin verwendet sie Teemischungen oder Tropfen.
Sie macht dabei die Erfahrung, dass Frauen unterschiedliche Bedürfnisse haben und Behandlungen individuell abgestimmt werden sollten.
Journalistisch und medizinisch braucht es an dieser Stelle eine klare Einordnung: Dass eine Pflanze traditionell verwendet wird oder einzelne Frauen positive Erfahrungen damit machen, bedeutet nicht automatisch, dass ihre Wirkung gegen Wechseljahrbeschwerden wissenschaftlich nachgewiesen ist.
Für zahlreiche pflanzliche Präparate, die bei Wechseljahrbeschwerden angeboten werden, ist die Wirksamkeit nicht zuverlässig belegt. Selbst vergleichsweise gut untersuchte pflanzliche Mittel liefern teilweise keine eindeutigen Ergebnisse. Pflanzliche Präparate können zudem Nebenwirkungen haben und mit Medikamenten wechselwirken.
Naturheilkunde sollte deshalb nicht mit «harmlos» oder «wirkt bei allen» gleichgesetzt werden.
Rohrer selbst beschreibt ihre Arbeit auch nicht als Gegenmodell zur Medizin. Wenn sie den Eindruck hat, dass eine naturheilkundliche Begleitung nicht ausreicht, verweist sie Frauen nach eigenen Angaben weiter.
Beschwerden müssen nicht ausgehalten werden
Dieser Punkt ist entscheidend.
Starke Stimmungsschwankungen, tiefe Traurigkeit, auffällige körperliche Veränderungen oder sozialer Rückzug gehören professionell abgeklärt. Auch Herzklopfen kann verschiedene Ursachen haben und sollte insbesondere bei wiederholtem Auftreten medizinisch beurteilt werden.
Für ausgeprägte Wechseljahrbeschwerden stehen medizinische Behandlungen zur Verfügung.
Hormontherapien können beispielsweise Hitzewallungen und Schweissausbrüche deutlich lindern. Sie haben aber auch Risiken. Ob eine Behandlung für eine Frau infrage kommt, hängt von ihrer persönlichen gesundheitlichen Situation ab und gehört in ein ärztliches Gespräch.
Es gibt also nicht den einen richtigen Weg durch die Wechseljahre.
Für eine Frau kann es reichen, besser zu verstehen, was gerade mit ihrem Körper geschieht. Eine andere sucht Unterstützung wegen Schlafproblemen. Eine dritte möchte naturheilkundliche Verfahren ausprobieren. Und wieder eine andere entscheidet sich nach medizinischer Beratung für eine Hormontherapie.
Entscheidend ist, informiert entscheiden zu können.
Eine neue Lebensphase statt eines Endpunkts
Vielleicht liegt darin auch eine Chance der aktuellen Diskussion über die Wechseljahre.
Lange wurden sie vor allem mit Beschwerden, Altern und dem Ende der Fruchtbarkeit verbunden. Doch eine Frau verliert mit der letzten Monatsblutung weder ihre Persönlichkeit noch ihre Leistungsfähigkeit oder ihren Platz in der Gesellschaft.
Sie tritt in eine andere Lebensphase ein.
Dass darüber heute offener gesprochen wird, beobachtet auch Sara Rohrer. Frauen kämen informierter in ihre Praxis und stellten gezieltere Fragen.
Das ist mehr als ein Gesundheitstrend.
Wenn Frauen verstehen, was sich in ihrem Körper verändert, können sie Beschwerden besser einordnen. Wenn Partner und Familien darüber Bescheid wissen, entstehen vielleicht weniger Missverständnisse. Und wenn auch am Arbeitsplatz darüber gesprochen werden kann, muss eine Hitzewallung nicht zum heimlichen Problem werden.
Am Ende geht es deshalb nicht darum, die Wechseljahre schönzureden oder zur Krise zu erklären.
Es geht darum, darüber Bescheid zu wissen.
Veranstaltung in Ruggell
Sara Rohrer spricht am 22. Oktober beim Anlass «Frauen im Wandel, zweite Blüte» im Kommod in Ruggell.
Sie stellt dort ihre Arbeit mit Pflanzenheilkunde und weitere naturheilkundliche Verfahren vor und berichtet aus ihrer Praxis.
Das ausführliche Gespräch mit Sara Rohrer ist im Podcast Podcasthus.li zu hören.



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